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Gesellschaft

Demenz ist unheilbar – trotzdem kann man etwas tun

27.06.2022
Die Diagnose Demenz ist ein Schock. Denn die Krankheit ist nicht heilbar und fortschreitend. Eine sorgfältige Abklärung lohnt sich trotzdem: Mit Medikamenten lässt sich die Krankheit verzögern, Therapien lindern die Beschwerden und Beratungsagebote unterstützen Betroffene, Angehörige und Betreuende.

Wozu sind all diese Knöpfe bei der neuen Spülmaschine? Trotz Anleitung geht einfach nicht in den Kopf, wie dieses Ding funktioniert! Und in den Ferien hat man auch am dritten Tag Mühe, den Weg zum Hotelzimmer zu finden. Was ist da los?

«Schwierigkeiten, neue Haushaltsgeräte zu bedienen und Orientierungslosigkeit an ungewohnten Orten sind typische Anzeichen einer beginnenden Demenz», sagt Stephan Goppel. Der Psychiater und Neurologe der Psychiatrie St. Gallen Nord in Wil ist auf Demenzerkrankungen spezialisiert. Dass man sich nicht erinnern könne, was man kürzlich besprochen habe, sei ein weiteres Indiz.

 

«Bei der Alzheimerkrankheit gibt es vier zugelassene Medikamente. Ich kann mir vorstellen, dass weitere dazukommen werden.»
Dr. Stephan Goppel, Psychiater und Neurologe

 

Demenz umfasst eine Reihe von Symptomen wie Gedächtnisverlust und Überforderung bei komplexen Tätigkeiten wie Kochen. Auch Verhaltensauffälligkeiten gehören dazu. «Diese werden oft unterschätzt», stellt Goppel fest, «dabei sind sie für die Betroffenen und das Umfeld oft belastender als der Gedächtnisverlust.» Dazu gehöre aggressives Verhalten, lautes Reden, Schreien, manchmal sogar Schlagen. Oft seien die Betroffenen unruhig, nesteln ständig herum oder gehen auf dem Gang hin und her ohne erkennbares Ziel.

Solche Verhaltensauffälligkeiten kennt Cristina De Biasio Marinello gut. Die Pflegeexpertin hat sich auf die Pflege von Demenzbetroffenen spezialisiert und den Verein mosa!k zur Unterstützung frühbetroffener Menschen mit Demenz gegründet. «Vor 25 Jahren habe ich als Pflegefachfrau in einem Heim gearbeitet», erinnert sie sich. «Dort gab es einen Mann mit fortgeschrittener Demenz – und auf der ganzen Abteilung nur zwei Pflegende, die es schafften, mit ihm umzugehen, ihn zum Anziehen zu animieren, ohne dass es Probleme gab.» Da stellte sie sich die Frage: Was machen diese beiden Pflegenden anders? 

32 000 Neuerkrankungen pro Jahr
Demenz ist in der Schweiz weit verbreitet. Rund 32 000 Neuerkrankungen gibt es laut Alzheimer Schweiz jährlich – Tendenz steigend, weil das Risiko mit dem Alter zunimmt. Rund 60 Prozent der Demenzbetroffenen leiden an der Alzheimerkrankheit. Auch andere Krankheiten können Demenz verursachen, die Gefässdemenz oder Parkinson zum Beispiel. Daneben gibt es andere Ursachen, die ähnliche Symptome hervorrufen: Schwere Nieren- oder Herzerkrankungen zum Beispiel, die eine mangelnde Versorgung des Hirns zur Folge haben. Kann man diese Ursachen beheben, so verschwinden auch die demenzähnlichen Symptome wieder.

Abklärung lohnt sich
Die eigentlichen Demenzerkrankungen hingegen sind nicht heilbar. Eine Behandlung sei dennoch wichtig, sagt der Neurologe Stephan Goppel. Denn Medikamente können den Krankheitsverlauf verzögern. «Bei der Alzheimerkrankheit gibt es vier zugelassene Medikamente», erläutert er. «Ich kann mir vorstellen, dass weitere dazukommen werden.» Dass man die Krankheit in absehbarer Zukunft aber ganz heilen könne, halte er für sehr unwahrscheinlich.

 

«Die Pflegenden sind dem Mann auf Augenhöhe begegne. Sie haben ihn nicht überfordert mit einem Plan im Kopf, was jetzt alles zu tun ist: Rasieren, Anziehen, Zähneputzen, und und und.»
Cristina De Biasio Marinello, Pflegeexpertin

 

Was also tun, wenn sich Anzeichen einer möglichen Demenz bemerkbar machen? «Eine Abklärung lohnt sich auf jeden Fall», betont Goppel. Erste Ansprechperson sei die Hausärztin. Diese verweist die Patientin bei Bedarf an eine spezialisierte Memory-Clinic. Zwei bis drei Termine à zwei Stunden dauert die Abklärung. An einem Abschlussgespräch erfährt man schliesslich die Diagnose. Diese kann auch eine Entwarnung sein: «In knapp einem Drittel der Fälle handelt es sich nicht um eine Demenzerkrankung, sondern beispielsweise um eine gutartige Altersvergesslichkeit», sagt Stephan Goppel. Die Diagnose Demenz sei hingegen einschneidend. Und dennoch: Die Tatsache, dass nun Klarheit herrsche, dass die Krankheit nun einen Namen habe, sei auch eine Erleichterung. Auch für die Angehörigen. «Nach der Diagnose sind sie oft viel verständnisvoller mit dem Demenzbetroffenen», erzählt Goppel, der schon viele Abschlussgespräche geführt hat. Deshalb sei es wichtig, sich für das Gespräch viel Zeit zu nehmen, die Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten gut zu erklären. 

Therapien helfen
Neben der medikamentösen Behandlung liegt der Fokus auf den Begleitumständen. «Ziel ist, trotz der kognitiven Einschränkungen möglichst viel Normalität zu erhalten», erläutert De Biasio Marinello. Etwa durch eine Ergotherapie. Diese könne helfen, den Alltag zu meistern und Abläufe zu vereinfachen. «Eine Frau hatte Mühe beim Einkaufen», erzählt die Pflegeexpertin. «Immer wieder vergass sie Dinge auf ihren Einkaufszettel zu schreiben.» Die Ergotherapeutin habe darauf mit der Frau eine Liste mit den wichtigsten Artikeln gemacht. «Vor dem Einkauf hat die Frau dann eine Kopie genommen und alles durchgestrichen, was sie nicht brauchte.»

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit ist die Sprachtherapie. Menschen mit Demenz finden zum Teil die Wörter nicht, verstehen zunehmend die verbale Sprache nicht mehr und können sich immer weniger mitteilen. Das kann zu einem Kommunikationsabbruch führen – was die Pflege und Betreuung vor zusätzliche Herausforderungen stellt.

Begegnung auf Augenhöhe
Frage also an De Biasio Marinello: Was haben die beiden Pflegenden im Heim damals anders gemacht, die als Einzige den Zugang zum Patienten fanden? «Sie sind dem Mann auf Augenhöhe begegnet», analysiert die Pflegeexpertin. «Sie haben ihn nicht überfordert mit einem Plan im Kopf, was jetzt alles zu tun ist: Rasieren, Anziehen, Zähneputzen, und und und.» Sondern sie seien in Ruhe an ihn herangetreten, nur mit der Absicht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Erst als eine Begegnung stattgefunden habe, hätten sie ihn zum nächsten Schritt eingeladen.

«Menschen mit Demenz haben oft Angst, nicht mehr als erwachsene Personen betrachtet zu werden», fasst De Biasio Marinello zusammen, «sondern als arme, hilfsbedürftige Kranke, denen man alles abnehmen muss.» Deswegen sei es so wichtig, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. «Und ja nicht von oben herab ‹betüddeln› – selbst wenn es gut gemeint ist.»

Text: Stefan Degen | Bild: Pixabay – Kirchenbote SG, Jul-August 2022

 


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