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Wirtschaft

Eine Absicht, zwei Ansätze: Zwei Schulfreundinnen bieten sich die Stirn

21.02.2022
Wie lassen sich wirtschaftliche Interessen und sozialethische Anliegen vereinbaren? Unternehmerin Diana Gutjahr und Hilfswerkmitarbeiterin Nina Burri diskutieren darüber anlässlich der ökumenischen Kampagne 2022 zum Thema Klimagerechtigkeit. Und zwar an dem Ort, an dem sie vor fast 30 Jahren gemeinsam die Schulbank gedrückt haben.

 

 

Interview: Cyrill Rüegger

 

Während der Passionszeit vom 2. März bis 17. April 2022 steht das kirchliche Engagement im Zeichen der ökumenischen Kampagne. Die Hilfswerk-Juristin Nina Burri und die Unternehmerin Diana Gutjahr nehmen den Ball auf: Sie führen den politischen Diskurs über Klimagerechtigkeit und die Verantwortung gegenüber der Schöpfung aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

 

Sie beide kennen sich seit der Schulzeit. Stimmt das?
Diana Gutjahr (DG): Ja, wir starteten im gleichen Schuljahr an der Kirchstrasse in Amriswil. In der Unterstufe hatten wir noch wenig Kontakt. Dies änderte sich aber in der 4. Klasse. Da verbrachten wir die Schultage gemeinsam und eine Zeit lang war Nina auch meine Sitznachbarin.

Nina Burri (NB): Genau, wir feierten Kindergeburtstage zusammen, machten Brätelausflüge und trafen uns eine Zeit lang auch nach der Schule in der Freizeit.

Frau Burri, Sie arbeiten beim Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks): Stand für Sie schon zu Schulzeiten fest, dass Sie sich für die Schwächsten auf der Welt einsetzen möchten?
NB: Ich kann mich erinnern, dass mich schon früh ein globaler Gerechtigkeitsgedanke umtrieb. Vor kurzem fiel mir ein Plakat aus der Sekundarschule in Amriswil in die Hände, wo wir unsere Berufswünsche aufzeichnen sollten. Und da stand bei mir «Anwältin», «Journalistin» und «Diplomatin». Rückblickend hat sich dieser Weg daher wohl schon früh abgezeichnet. Was ich nun in den letzten Jahren bei meiner Arbeit, in Den Haag und auch in verschiedenen Ländern dieser Welt gesehen habe, hat mich zusätzlich bestärkt in diesem Engagement. Ich kann und will da nicht wegschauen. Unsere Arbeit ist nötig.

Frau Gutjahr, Sie sind Geschäftsleiterin des Stahl- und Metallbauunternehmens Ernst Fischer AG und Nationalrätin für die SVP: War dieser Weg vorgezeichnet?
DG: Ja, ich bin als Unternehmertochter aufgewachsen, habe viel Zeit im Betrieb, aber auch viele Sonntage mit meinem Vater auf Baustellenbesichtigungstouren verbracht. So war mein Wunsch schon als Jugendliche da, irgendwann den Betrieb zu übernehmen – im Bewusstsein, dass dies mit viel Entbehrung zusammenhängt. Verantwortung zu übernehmen und zu entscheiden, das hat mir schon immer gefallen. Politik war eher nebensächlich, obwohl am Mittagstisch regelmässig eifrig über dies und jenes diskutiert wurde. Nur die Faust im Sack zu machen, ist nicht mein Ding. So bin ich vor rund zwölf Jahren in die Politik gekommen.

Welche Werte sind Ihnen bei Ihrer Arbeit zentral?
NB: Menschenwürde, Gerechtigkeit, Engagement. Und vor allem auch Nächstenliebe. Ich mag Menschen generell sehr gerne, mit all ihren Verschiedenheiten.

DG: Neben den aufgezählten Werten von Nina sind bei uns Einsatzwille, Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit sowie das Anliegen, zu geben, und nicht nur zu nehmen, zentral. Leider gehen diese Werte immer mehr verloren. Dem versuchen wir insbesondere in der Ausbildung von Lernenden entgegenwirken.

Bei der Klimagerechtigkeit geht es darum, dass Unternehmen für die Umweltschäden aufkommen, die sie verursachen. Das klingt fair.
DG: Solche undifferenzierten Aussagen stören mich sehr. Damit unterstellt man indirekt jedem Betrieb, sich klimaschädlich zu verhalten. Klimaschutz fängt aber bei jeder einzelnen Person an, zum Beispiel beim Einkaufsverhalten. Vergessen wir nicht: Rund 99 Prozent der Betriebe in der Schweiz sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU), oft Familienunternehmungen. Und die sind sich ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst. Viele engagieren sich zudem in weiteren Bereichen – zum Beispiel in der Kultur oder sozial.

NB: Das kann ich so nicht stehen lassen. Du weichst der Frage aus, Diana. Natürlich ist es zu begrüssen, wenn Unternehmen soziale und kulturelle Projekte unterstützen. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie für die Umweltschäden aufkommen sollen, die sie mitverursacht haben. Und darum geht es bei der Klimagerechtigkeit. Man kann nicht Unmengen von CO2 ausstossen, dadurch jahrzehntelang das Klima erhitzen und das dann durch kulturelles Engagement ausgleichen. Ich kann auch nicht dein Grundstück jahrelang mit Gülle verschmutzen und dafür dann der Pfadi spenden. So funktioniert das nicht, das hat mit Verantwortung zu tun.

Sie sagen also, dass die Unternehmen in der Schweiz ihre Verantwortung nicht wahrnehmen.
NB: Es gibt viele Unternehmen, die verantwortlich wirtschaften. Aber auch einige, insbesondere die grossen globalen Konzerne, die rücksichtslos nach Gewinn streben. Sie machen dies auf Kosten von Gesundheitsschäden von Kindern, von Ernteausfällen von Kleinbauern oder von CO2-Emmissionen, die den Klimawandel anfeuern. Wir unterstützen bei Heks beispielsweise Gemeinschaften, deren Lebensraum durch den Anstieg des Meeresspiegels akut bedroht ist. Das passiert nicht in zehn oder zwanzig Jahren, sondern jetzt, heute. Diese Menschen selbst haben fast gar nichts zum Klimawandel beigetragen. Schweizer Unternehmen aber schon. Einige Konzerne haben einen grösseren CO2-Ausstoss als die ganze Schweiz. Daher, ja, viele dieser Unternehmen nehmen ihre Verantwortung nicht wahr und tragen direkt dazu bei, dass es den Ärmsten der Welt noch schlechter geht.

DG: Im Gegenteil, viele Unternehmen übernehmen Verantwortung und wegen einigen wenigen Konzernen geraten alle Unternehmungen ins Visier von neuen gesetzlichen Forderungen, die ein KMU aus finanzieller Sicht nie umsetzen könnte. Ein Ausdruck davon war die Konzernverantwortungsinitiative, welche die ganze Lieferkette betroffen und auch kleine Betriebe massiv unter Druck gebracht hätte. Wenn solche Forderungen in der Schweiz Realität werden, erleben wir eine Abwanderung von Grossfirmen. Und KMU, die als Zulieferer fungieren, müssten ihre Betriebe schliessen. Damit setzt man direkt wichtige Arbeits- und Ausbildungsplätze aufs Spiel, insbesondere im Tieflohnsektor. Man muss gleichzeitig bedenken, dass die global tätigen Industriekonzerne grossmehrheitlich den Aktionären wie Pensionskassen gehören. Von diesen Seiten werden hohe Renditeforderungen gestellt, die wiederum Druck auf die Gewinnerwartungen der Konzerne erzeugen. Hier muss man sich fragen, wie man einen solchen Teufelskreis durchbrechen kann. Eine schwierige Aufgabe.

Richten wir den Blick auf den Thurgau: Hier gibt es wenige grosse Firmen, die global tätig sind. Wie können Thurgauer Unternehmen trotzdem etwas zu einer besseren Welt beitragen?
DG: Wie bereits erwähnt, sind die meisten Firmen Familienbetriebe. Alle sind interessiert, auch unserer nächsten Generation eine lebenswerte Welt zu hinterlassen und investieren damit in neue energieeffizientere Technologien. Ob Sie es glauben oder nicht, eine der grossen täglichen Aufgaben unserer Führungskräfte ist es, unsere Mitarbeitenden einerseits auf ihre persönliche Gesundheit, andererseits auf den sparsamen Umgang mit jeglichen Ressourcen hinzuweisen und dies auch streng zu überwachen.

NB: Das klingt gut, da pflichte ich Diana bei. Ich hoffe einfach, dass diesen schönen Worten auch Taten folgen. Ich sehe in meiner Arbeit leider noch zu oft, dass den Klimaversprechen von Unternehmen zu wenige konkrete Massnahmen folgen. Kürzlich erschien eine Studie, die Klimaversprechen von grossen Konzernen untersucht hat. Sie belegt, wie beispielsweise die gross angekündigten grünen Klimapläne von Novartis und Nestlé nicht mit ihren getroffenen Massnahmen übereinstimmen. Ihre Klimaversprechen werden gar als irreführend taxiert. Es liegt an den Führungskreisen, den Aktionären, ja auch den Familien hinter KMU, dafür zu sorgen, dass ihr Unternehmen tatsächlich auf einen klimaneutralen Kurs gebracht wird.

Frau Burri, die Anliegen des Heks richten sich meist gegen die Wirtschaft. Täuscht dieser Eindruck?
NB: Das ist falsch. Wir haben das Mandat, globale Armut und Ungerechtigkeit zu bekämpfen und uns für ein Leben in Würde für alle Menschen einzusetzen. Mit unserer entwicklungspolitischen Arbeit wollen wir zusätzlich auf einen systemischen Wandel hinwirken und uns nicht nur mit der Symptombekämpfung globaler Ungerechtigkeiten begnügen. Wir richten uns daher mit unseren Forderungen an die Verursacher und die Verantwortungsträger dieser strukturellen Probleme. Wir richten uns an jene, die an den Machthebeln sitzen und damit den nötigen Wandel bewirken können. Darunter fallen auch wirtschaftliche Akteure, das ist richtig.

Frau Gutjahr, spielen ethische Fragestellungen wie die Klimagerechtigkeit im Arbeitsalltags Ihres Unternehmens überhaupt eine Rolle?
DG: Ja klar! Wir sind ein produzierendes Unternehmen und sind stetig mit diesen Fragen konfrontiert. Wir sind daran interessiert in neue Technologien zu investieren, da diese einerseits effizienter in der Bearbeitung sind und andererseits auch weniger Energie brauchen. Das ist eine Win-win-Situation für alle. Wir in der Schweiz sind auf einem sehr hohen Niveau, man sollte vorsichtiger sein und nicht ständig mit unverhältnismässigen Forderungen produzierende Betriebe aus der Schweiz verbannen.

Sehen Sie Ansätze, wie ein Hilfswerk wie Heks und ein Unternehmen wie die Ernst Fischer AG zusammenspannen können?
NB: Ich finde es gut, dass wir auch mal gemeinsam an einem Tisch sitzen, wie heute hier, und uns gegenseitig zuhören. Aber als Hilfswerk ist es nicht unsere Aufgabe, Unternehmen zu beraten. Gewinnorientierte Firmen haben dazu genügend Geld und ich bin sicher, Diana hat gute Mitarbeitende, die das nötige Know-how haben. Unsere wertvollen Spendengelder sollten den betroffenen Menschen im globalen Süden zufliessen.

DG: Dialog ist immer der Konfrontation vorzuziehen, weil damit individuell umsetzbare Lösungen gesucht und gefunden werden können. Generelle Forderungen in den Raum zu stellen, nützt beiden Seiten nichts. Zudem ist der persönliche Austausch, insbesondere wenn man sich kennt – was in der kleinräumigen Schweiz noch möglich ist – viel einfacher und muss mehr genutzt werden. Wenn ich an dieser Stelle einen Wunsch an Nina äussern darf: Ich wünsche mir von Hilfswerken, dass der grosse Teil der Spendengelder effizient vor Ort eingesetzt wird und nicht in der Administration versandet.

NB: Das ist natürlich auch für uns essenziell und selbstverständlich. HEKS ist in diesem Punkt absolut transparent und steht im schweizweiten Vergleich mit anderen Non-Profit-Organisationen sehr gut da. 2020 betrug der Anteil unserer Verwaltungskosten inklusive Mittelbeschaffung 16,1 Prozent, dies bei einem Durchschnittswert von 21 Prozent bei allen ZEWO-zertifizierten Organisationen.

Gibt es weitere Anliegen, die Sie in diesem Zusammenhang loswerden möchten?
DG: Wir haben nur eine Erde und müssen daher interessiert daran sein, diese so wenig wie möglich zu belasten. Unsere Unternehmung engagiert sich im Speziellen in der Ausbildung und Integration von Menschen, die auch teilweise nicht auf der Sonnenseite des Lebens gewandert sind. Trotz teilweise schweren Enttäuschungen werden wir diesen eingeschlagenen Weg weitergehen und hoffen, so ein kleines bisschen in unserem Leben der Welt wieder zurückgeben zu können.

NB: Ich bin sonst keine Freundin von alarmierenden Worten. Aber die Klimakrise ist die Herausforderung unserer Zeit und bedroht die Menschenrechte von Millionen von Menschen. Sie schreitet akut voran und wir haben nur noch ein kurzes Zeitfenster, um die nötigen Schritte einzuleiten, damit sich die Erdatmosphäre nicht weiter erhitzt. Angesichts der globalen Dimension der Krise versagt momentan die Politik. Aber wenn alle entschlossen mitziehen – Politik, Unternehmen und jede und jeder einzelne – können wir das Ruder noch herumreissen. Das wünsche ich mir.

 

(Interview: Cyrill Rüegger)

Nina Burri
Die Amriswilerin studierte nach der Schulzeit Jus und spezialisierte sich auf Völkerrecht. So kam sie nach Den Haag, wo sie am Internationalen Strafgerichtshof Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit untersuchte. Heute ist sie beim Hilfswerk der Evangelischen-reformierten Kirche Schweiz (Heks) für das Programm Wirtschaft und Menschenrechte verantwortlich. In ihrem Job engagiert sie sich dafür, dass Konzerne sich auch im Ausland an Menschenrechte und Umweltstandards halten müssen. Daneben ist sie als Rechtsanwältin tätig und unterrichtet an der Universität St. Gallen.

Diana Gutjahr
Sie kam mit ihren Eltern im Alter von drei Jahren nach Amriswil. Die talentierte Tennisspielerin absolvierte im elterlichen Betrieb eine Ausbildung zur Kauffrau mit anschliessender Berufsmaturität. Nach dem Wirtschaftsstudium an der Fachhochschule St. Gallen arbeitete sie in einem international tätigen Unternehmen im Bereich Wirtschaftsprüfung. 2008 kehrte sie zum elterlichen Betrieb, dem Stahl- und Metallbauunternehmen Ernst Fischer AG in Romanshorn, zurück. Dieses führt sie heute zusammen mit ihrem Mann. Zudem ist sie seit 2017 Nationalrätin für die SVP.

 

NACHGEFRAGT

Pfarrer Wilfried Bührer, Präsident Evangelische Landeskirche Thurgau

Die Konzernverantwortungsinitiative hat kontroverse Diskussionen ausgelöst. Inwiefern sehen Sie bei Verantwortlichen in Wirtschaft und Kirche/Hilfswerken Potenzial?
Es ist bedauerlich, dass oft mehr übereinander als miteinander geredet wird. Klar, die Positionen und Interessen gehen auseinander. Die Rollen sind verteilt. Wichtig ist aber, einander zuzuhören und sich nicht zum vornherein den guten Willen abzusprechen. Wir alle sind von der Wirtschaft abhängig. Und viele von uns gehören zur Kirche. Und vor allem: Wir bewohnen alle eine Erde.