News aus dem Thurgau

«Auch wenn es ein Tropfen auf den heissen Stein ist, es ist ein Tropfen»

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10.08.2021
Philipp Aebi war während seines Studienurlaubs neun Wochen lang für ein Hilfswerk tätig, im Camp Mavrovouni auf der Insel Lesbos. Dort betreute er Flüchtlinge und freiwillige Helfende.

«Es war stets ein Herzenswunsch von mir, eine sinnstiftende Arbeit für bedürftige Menschen im Ausland zu leisten», erinnert sich Philipp Aebi an eine Zielsetzung seines Studienurlaubs. Lange sieht es nicht danach aus, als ob dieser Wunsch in Erfüllung ginge. Noch Anfang Februar freut sich der Spitalseelsorger auf einen mehrwöchigen Einsatz in Jordanien. Doch dann wird die Grenze dicht gemacht, Corona kommt dazwischen. Also sinniert er etwas frustriert beim Schneeschuhlaufen über Alternativen. Bis ein Mail von Eurorelief in sein Postfach flattert. «Die Anfrage war ein Geschenk des Himmels», sagt Aebi. Eurorelief, eines von mehreren NGOs im Flüchtlingslager Mavrovouni in Lesbos, sucht einen stellvertretenden Verantwortlichen für den Bereich Member Care. Auf einmal geht alles ganz schnell und reibungslos. Zwei Zoom-Gespräche mit den Verantwortlichen, ein Kurs zur Sensibilisierung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die zweite Corona-Impfung gerade erhalten, sitzt Aebi kurze Zeit später im Flieger nach Griechenland. Es erscheint ihm ganz so, «als wäre alles von oben eingefädelt worden».

7000 Flüchtlinge im Camp
Dann das erste Mal Camp-Leben von innen. «7000 Flüchtlinge aus rund 30 bis 40 Nationen leben hier», sagt der Freiwillige, der einen Crash-Kurs und Rundgang im Camp für die Neuen gibt. «2015 stammte der Grossteil der Flüchtlinge aus Syrien. Heute kommen 70 Prozent aus Afghanistan, viele aus dem Kongo und nur noch ein kleinerer Teil aus Syrien, da die Routen über die Türkei gesperrt wurden.»

Kinder spielen auf dem staubigen Boden. Die Verschlüsse von Petflaschen dienen ihnen als Spielzeug. Einige hüpfen in Wasserpfützen herum, wirken fröhlich und unbeschwert. Philipp Aebi steht am Strand, er sucht das Ende der Zeltreihen, die sich vor ihm auftürmen. «Es sieht aus wie ein internationales Feriencamp mit Zelten», denkt er bei sich. Kurze Zeit später realisiert er, dass die Idylle trügt. Bis zu zehn Personen hausen in einem Zelt auf 16 Quadratmetern, manchmal bis zu drei Familien. Ein Toi Toi kommt auf 75 Personen, es gibt kaum fliessend Wasser und Duschen.

Es hatte geheissen, das Camp sei winterfest. Doch es ist Februar, man ist Wind, Wetter und Kälte ausgesetzt. Philipp Aebi sieht Zelte, an deren Seitenwänden der Schimmel klebt. Die Menschen frieren, trotz mehrerer Decken, und sind dennoch bemüht, zumindest ihren Kindern beim Einschlafen zu helfen. «Unfassbar, dass es so etwas heute auf europäischem Boden gibt» denkt Philipp Aebi bei sich.

Sportprogramm und Englischkurs
Morgens um acht beginnt die erste Schicht. Wie beim Militär werden die Namen der Freiwilligen aufgerufen, um zu sehen, wer anwesend ist und wer nicht, etwa für den Fall einer Evakuierung. Nach einer kurzen Morgenbesinnung und einem Briefing stehen auf einer grossen Flip-Chart die Tätigkeiten aufgelistet. Zur Auswahl gibt es die Instandhaltung der Zelte, das Ein- oder Umquartieren von Flüchtlingen, Auskünfte erteilen am zentralen Infopoint, gemeinsam mit den Übersetzern für vier Sprachen, Verteilaktionen von Hilfsgütern oder die Organisation von Sportprogrammen. Ein Team von Lehrpersonen bietet in Zelten Englischunterricht für bis zu 300 Kinder an. Philipp Aebi macht bei vielem mit. Daneben bietet er mit einem spezialisierten Team von Freiwilligen, die sich um die schwächsten Menschen im Camp kümmern, eine Weiterbildung zum Umgang mit fremder und eigener Ohnmacht an.

Als Spitalseelsorger der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Luzern am Luzerner Kantonsspital hat Aebi grosse Erfahrung mit diesem Thema. Viele Flüchtlinge zeigen Traumata durch das Herkunftsland, die Reise oder das Camp. Ein riesiger Stacheldrahtzaun umgibt das Camp. Das gibt zwar Sicherheit, doch auch ein Gefühl des Eingesperrtseins.

Einige Freiwillige sind verängstigt, nachdem sie eine Demonstration von Einheimischen miterlebten, die ihre Appartements mit Eiern bewarfen. Aebi kann aber auch die Demonstranten verstehen, die sagen, man hätte ihnen die Insel gestohlen. 20’000 Flüchtlinge lebten zum Peak im April 2020 auf Lesbos, bei 86’000 Einwohnern. Aebi realisiert, dass Traumabewältigung im Camp fast nicht möglich ist. Es ist bereits viel erreicht, wenn es den Helfenden gelingt, Geflüchtete bei der Stabilisierung ihrer Situation zu unterstützen. Im Schutzraum eines Containers im Camp können sich Betroffene aussprechen und wieder Hoffnung schöpfen.

Kern des Evangeliums
Philipp Aebi staunt immer wieder aufs Neue. Im Camp erfährt er auf wunderbare Weise den Kern des Evangeliums, einen Gott, der Hoffnung schenkt. Eine Gruppe junger Kongolesen, denen ihr christlicher Glaube viel bedeutet, wird zum Vorbild für andere, zum Mahnmal, trotz der misslichen Lage die Hoffnung nie aufzugeben. Einige der Kongolesen haben Gewalterfahrungen hinter sich, wurden nebst 100’000 anderen aus ihren Dörfern vertrieben. Nun sitzen sie in der Gruppe im Zelt, singen und beten so laut und inniglich, dass alle anderen in der Umgebung es mitbekommen.

Wenn es das Wetter zulässt, halten sie auf einem geschützten Hügel nebenan Open-Air-Gottesdienste ab. Sie versuchen, Gott in kleinen Dingen zu sehen und ihm zu danken. Ihr Glaube hilft den jungen Leuten, ein Glaube, der Kraft, Trost und Hoffnung schenkt.

Auch andere Flüchtlinge haben dank ihnen die Hoffnung nicht aufgegeben. Sie träumen von einem Leben in einem sicheren Land, nachdem sie den Grossteil ihres Lebens in Unsicherheit verbracht haben. 380 Kinder wurden 2020 im Camp geboren. Ihre Eltern hoffen, die Kinder eines Tages an einem sicheren Platz aufwachsen zu sehen.

Der ersehnte blaue Stempel
Ab und an hört man Jubelschreie aus den Zelten. Dann haben diejenigen wohl einen Ausweis mit dem ersehnten blauen Stempel erhalten. Er dokumentiert den Flüchtlingsstatus. Ein baldiger Transfer aufs griechische Festland wird folgen. Dort leben viele legal, aber ohne Obdach, Arbeit oder Sozialhilfe. Immer wieder wird Aebi von Familien zum Essen eingeladen, wird mit einem «hello my friend» begrüsst. Ein wenig Freundschaft in all der Tristesse tut gut. Dann wird im Zelt Chai-Tee und Fladenbrot aufgetischt.

Der Pfarrer lernt Samir kennen, 12. Der Junge übersetzt für seine Eltern und die zwei Geschwister. Sonst muss sich Aebi stets mit Händen und Füssen unterhalten, viele sprechen kein Englisch, die Sprache unter den NGO-Mitarbeitenden. Auch Samir sprach zu Beginn nur Farsi (persisch). Im Camp hat er sich selbst via Übersetzungs-App Englisch beigebracht.

Wenige Wochen später überprüft Aebi ein leeres Zelt, um dort eine Familie einzuquartieren. Nur, das Zelt ist bereits belegt, von Samir. Er hat dort, gemeinsam mit zwei anderen Teenagern, eine Schule aufgebaut und gibt kleinen Kindern Englisch-Unterricht.

«Was ich im Camp gesehen habe, hat mich teilweise erschüttert und doch meinen Glauben vertieft», sagt Aebi im Nachhinein über die Zeit in Lesbos. «Auch wenn vieles auf dieser Welt drunter und drüber geht, so gibt es auch vieles, das heilvoll und tröstend ist. Es gibt wundersame Wendungen, mit denen man nicht rechnet. Und manchmal muss man lernen mit auszuhalten, ohne vertrösten zu können. Doch es wird niemand vergessen von Gott. Jesus selbst hat uns Barmherzigkeit gelehrt. Sie kostet uns manchmal etwas, sie hat mich aus der Komfortzone gelockt. Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist, so ist es doch ein Tropfen.»

Carmen Schirm-Gasser, kirchenbote-online

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