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Gesellschaft

«Gottvertrauen entlastet enorm»

21.04.2020
Andrina Rohner ist Ärztin: Die Folgen der Corona-Krise erlebt sie in ihrem Beruf hautnah. Wie geht sie damit um? Und wie kann der Glaube dabei helfen?

Sie sind Ärztin in einer Hausarztpraxis, wo das Ansteckungsrisiko wohl höher ist als anderswo. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Situation um? Haben Sie Angst? Respekt?
Grundsätzlich habe ich das Verständnis, dass ich nicht dem Coronavirus «ausgeliefert», sondern in Gottes Hand bin. Das muss nicht zwingend heissen, dass ich nicht angesteckt werde. Aber ich weiss, dass Gott die Lage und mich jederzeit im Griff hat. Ich fühle mich somit nicht als potentielles Corona-Opfer, sondern freue mich, den Menschen zu helfen.

Wie schützt man sich in einer Arztpraxis?
Wir haben das Wartezimmer angepasst, terminieren Sprechstunden anders, tragen eine Maske und versuchen beim Gespräch Abstand zu den Patienten zu halten – bei den körperlichen Untersuchungen hören die Bemühungen jedoch auf.

Halten sich die Menschen an die «Corona-Regeln»? Wo gibt es noch Handlungsbedarf?
Meiner Erfahrung nach halten sich viele Menschen an die Verhaltensregeln. Manchmal beobachte ich aber, dass gerade ältere Menschen das Ganze nicht so eng sehen. Ich denke, dass diese Menschen über die Jahre eine Gelassenheit erlangt haben. Eine Gelassenheit, sich nicht um alles sofort Sorgen zu machen, die ich grundsätzlich bewundere. In der aktuellen Lage ist jedoch beispielsweise das Einkaufen für ältere Menschen tatsächlich ein Gesundheitsrisiko.

Wie erleben Sie die Menschen, die zu Ihnen kommen? Sind sie anders, brauchen sie mehr oder andere Unterstützung?
Die Menschen sind dankbar für Gespräche, Erklärungen und Einschätzungen ärztlicherseits. Trotz Verhaltensmassnahmen ist eine persönliche Nähe spürbar. Ich finde übrigens den Begriff «Social Distancing» nicht ideal, besser passen würde aus meiner Sicht «räumliche Distanz». Denn die soziale, also die beziehungsmässige Distanz ist gerade nicht das, was jetzt angesagt ist, sondern vielmehr eine soziale Nähe, wenn auch auf andere Art und Weise.

Es gibt ja auch schlimme Momente, weil Angehörige oder Freunde ihre schwerkranken Nächsten nicht im Spital oder Heim besuchen dürfen. Gibt es da einen Rat, den Sie geben können?
Einerseits kann natürlich ein Videoanruf mit den kranken Angehörigen, den behandelnden Pflegenden oder Ärzten hilfreich sein. Andererseits hilft mir diesbezüglich wiederum das Verständnis, dass die kranken Angehörigen nicht der Krankheit, den Ärzten oder Pflegenden ausgeliefert sind. Sie befinden sich in Gottes Hand. Ich würde für Frieden in ihrem Herzen beten und sie Gottes Hand anvertrauen.

Was erleben Sie als gläubige Christin besonders ermutigend? Was frustriert vielleicht auch?
Ich freue mich, wenn Patienten nach einer Krankheitszeit wieder auf den Beinen stehen. Zudem fühle ich mich privilegiert, dass ich in meinem Beruf nahe bei den Menschen bin und viele persönliche Geschichten miterlebe. Ich nutze das Gehörte oft, um für die Menschen und ihre Familien zu beten. Frustrierend können Situationen sein, in denen meines Erachtens die «Lösung» einer Problematik auf der Hand liegt, die Patienten das aber nicht einsehen wollen. Situationen, in denen wir nicht gemeinsam vorwärts kommen.

Können Seelsorgende die Ärztinnen und Ärzte unterstützen? Welche positiven Erfahrungen haben Sie gemacht?
Für die persönliche Psychohygiene ist es hilfreich, einen Ort für ein offenes Gespräch zu haben. Häufig sind das andere Ärzte. Persönlich habe ich aber auch mit einer Mentorin sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich kann mit ihr konstruktiv über Problemstellungen und über persönliche Herausforderungen nachdenken und beten.

Wie kann die Kirche sonst noch helfen?
Die Corona-Zeit bringt viele neue Herausforderungen mit sich. Dazu gehört unter vielem anderen, dass der Gottesdienst nicht mehr gemeinsam gefeiert werden kann. Ich denke aber, dass gerade in dieser ungewohnten und auch verunsichernden Zeit geistliche Nahrung umso wichtiger ist. Deshalb freue ich mich über die Online-Gottesdienste und sonstige Online-Angebote.

Macht es einen Unterschied, wie Sie als überzeugte Christin und Ärztin mit der Situation umgehen und wie Berufskollegen mit anderem spirituellen Hintergrund damit umgehen?
Wie oben erwähnt, bin ich der Überzeugung, dass letztlich Gott die Welt, das Leben und den Tod im Griff hat. Das heisst für mich, dass ich sehr wohl eine Verantwortung habe, meine Ressourcen weise einzusetzen und täglich mein Bestes zu geben. Ich bin aber nicht für die gesamte Welt verantwortlich. Das entlastet enorm. Ich beobachte Kollegen, die dieses schwerlastende Gefühl haben, dass alles an ihnen liegt, weil sonst vermeintlich niemand da ist, um zu helfen.


(Interview: Roman Salzmann, 8. April 2020)


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