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Kirche

«Kirche muss Spannungen aushalten»

20.07.2018
Ende Juni wählte die Synode Judith Hübscher Stettler zu ihrer Präsidentin. Der Kirchenbote hat mit ihr gesprochen. Wer ist die Frau, die erst als zweite Frau dieses Führungsamt versieht?

Frau Hübscher, Sie sind seit acht Jahren Synodale der Kirchgemeinde Gachnang, davon vier Jahre im Synodebüro. Darf der Kirchenbote etwas über Ihr privates Umfeld erfahren?
Ursprünglich habe ich Pflegefachfrau gelernt. Nach meinen Lehr- und Wanderjahren kam ich der Liebe wegen wieder zurück in die Kirchgemeinde Gachnang, wo ich bereits getauft worden war. Mein Mann bewirtschaftet einen Landwirtschaftsbetrieb. Auf dem Hof leben wir mit unseren drei erwachsenen Kindern, die alle noch in Ausbildung sind, mit einem Lehrling und einem rumänischen Mitarbeiter zusammen.

Heute arbeiten Sie als Landwirtin?
Nein. Für die Arbeit auf dem Hof sind mein Mann und die Mitarbeiter zuständig. Ich bin aber besorgt, dass alle gut verpflegt werden und sich auch sonst in unserer grossen Wohngemeinschaft wohlfühlen. Ich arbeite im Amt für Gesundheit beim Kanton Thurgau. Als kantonale Beauftragte leite ich das Ressort Gesundheitsförderung, Prävention und Sucht.

Welche Bedeutung haben Glaube und Kirche in Ihrem Leben?
Glaube ist für mich ein weiter Begriff. Dazu gehören spirituelle Erfahrungen aber auch christliche Werte. Diese zu leben und zu teilen ist mir wichtig. In verschiedenen Kirchgemeinden gab ich Sonntagsschule und engagierte mich in der freiwilligen Jugendarbeit, später in einer Eltern-Gesprächsgruppe. Ich besuchte den dreijährigen Theologiekurs in unserer Landeskirche. Weil sich mir immer mal wieder Fragen oder Zweifel auftun, ist mir die Botschaft des Evangeliums so wichtig, dass ich zunächst und zuerst von Gott angenommen bin. Kirche hat für mich verschiedene Bedeutungen: Als Institution sichert sie die Struktur und den Rahmen, um christliche Werte zu vermitteln und das Evangelium zu verbreiten. Als soziale Gemeinschaft lebt Kirche vom Austausch und der Begegnung und sie übernimmt diakonische Aufgaben. Kirchen als Gebäude sind für mich immer wieder Rückzugsorte mit besonderer Ausstrahlung sowie Orte für gemeinsame Rituale.

Unsere Landeskirche steht derzeit mitten im Prozess der Neuausrichtung. Worin sehen Sie die grösste Herausforderung?
Die Evangelische Landeskirche Thurgau ist sehr bunt gemischt, wie die Zukunftstagung deutlich gezeigt hat. Diese Vielfalt kann sie nur leben, indem sie Spannungen aushält. Da steht nicht nur der allgemeine Individualisierungstrend in Konkurrenz zur Solidarität. Unsere Kirche muss auch die Spannung aushalten zwischen verschiedenen Glaubensausprägungen und zwischen Tradition und Innovation. Hier die Balance zu finden, sehe ich als grosse Herausforderung aber auch als grosse Chance.

Ihr persönlicher Wunsch als Synodepräsidentin?
Eine offene evangelische Landeskirche ist mir wichtig, damit sie auch Suchenden, Zweiflern und Kritikern eine Heimat bieten kann. Aber auch, dass unsere Kirche die christlichen Werte lebt und so einen Beitrag zur Solidarität in der Gesellschaft leistet. Zwei Verse aus der Bergpredigt liegen mir besonders am Herzen. Ich wünsche mir, dass sie auch das Debattieren, Entscheiden und Handeln in der Synode prägen. Es sind Matthäus 5,16: «So lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen» und Matthäus 7,12: «Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.»


(20. Juli 2018, Interview: Brunhilde Bergmann)


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