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Reformation und Zeitgeist

Die Reformation und das Wirken von Martin Luther wurden in den letzten 500 Jahren unterschiedlich beurteilt. Wie geht ein Geschichtslehrer das Thema Reformation an und wie finden Jugendliche im Religionsunterricht Zugang zur Gedankenwelt von Luther?

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Wenn Institutionen Jubiläen feiern, tun sie das mit einer bestimmten Absicht. Wenn sie sich selbst feiern und ihre Anfänge betrachten, stehen sie in Gefahr und Versuchung, vergangene Ereignisse im Licht der Gegenwart nur positiv darzustellen und etwa die dunklen Seiten auszublenden. Dass das auch bei den Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind, nicht anders ist, zeigt ein Blick zurück auf die 300- und 400-Jahr-Feiern der Reformation.

Der «Aufklärer» Luther und der «Deutsche Luther»
Die Kirchengeschichtlerin Dorothea Wendebourg stellt in ihrem Essay «Im Anfang war das Reformationsjubiläum» fest, dass bei den Jubiläen im 17. und 18. Jahrhundert die «evangeliumsgemässe Erneuerung der Kirche» und die «Befreiung von päpstlichem Irrtum und Joch» gefeiert wurden. Im Umfeld der 300-Jahr-Feier wurde Luther 1817 zum «Aufklärer» gemacht: «Mit seiner in den Ablassthesen erstmals öffentlich vorgebrachten Kritik an der oktroyierten kirchlichen Lehre habe Luther die Aufklärung angestossen, mit seiner Ablehnung der klerikalen Hierarchie die Mündigkeit aller befördert, mit seiner Bibelübersetzung zur allgemeinen Bildung angespornt, mit seiner Berufung auf das Gewissen vor dem Kaiser zu Worms Gewissenfreiheit und Toleranz das Tor geöffnet.» 100 Jahre später – mitten im Ersten Weltkrieg – wurde Luther zum «Deutschen Luther» gemacht, der als «Mann aus Erz» das nationale Selbstbewusstsein kräftigen und die Soldaten an der Front und die Bürger im Land zuversichtlich und stark erhalten sollte.

Schneider-Ammann: «Aufschrei des Gewissens»
An der Feier zum Auftakt des Gedenkjahres 500 Jahre Reformation am 5. Januar 2017 in Bern stand der Freiheitsbegriff hoch im Kurs. Bundesrat Johann Schneider-Ammann wählte für seine Rede das Thema «Die Reformation: Zündstoff unserer Freiheit und Wohlstandes». Schneider-Ammann sieht in Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel der Katholischen Kirche einen «Aufschrei seines Gewissens gegen das Treiben der Kirche». Im von kirchlichen und weltlichen Autoritäten unabhängigen Gewissen sieht Schneider-Ammann die Triebfeder für die Entwicklung des Individualismus, der zu Freiheit und Wohlstand geführt hat.

(Ernst Ritzi, 23. Oktober 2017, Bild: pixabay.com)

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